Heute habe ich Irgendlinks Bilder – wegen der Radpanne und Lagerplatzsuche – erst spĂ€t bekommen. Gerade eben.
Im Dunkeln baut Irgendlink nun das Zelt auf.
Und ich hoffe, dass er morgen technische Hilfe finden wird.
Heute gibt’s mal einen Tag in Tweets. Ausnahmsweise. Wegen der schönen Bilder und des dramatischen Status-Quo. Und wegen „und nun weiĂ ich auch nicht!“
Ich wĂŒnschte, ich hĂ€tte meinen aufblasbaren Butler James dabei, der mir bei der Reise um die Nordsee so treue Dienste geleistet hat.
â Irgendlink (@irgendlink) 29. MĂ€rz 2016
Das Niemandsland um den Coll de Jou ist wild, unheimlich. Felsig, windig, sonnig, abenteuerlich. #Gibrantiago
â Irgendlink (@irgendlink) 29. MĂ€rz 2016
Auf der PyrenĂ€en SĂŒdquere zwischen Olot und Dem Rio Valira fahren kaum Autos. Kosten: drei massive PĂ€sse 1000+. pic.twitter.com/sxKmCmNgCm
â Irgendlink (@irgendlink) 29. MĂ€rz 2016
Stratzbesoffen vom MittagsmenĂŒwein hoffe ich, dass die Via Muntanya genau die gleichen Schlangenlinien hat, die ich radele. #Gibrantiago
â Irgendlink (@irgendlink) 29. MĂ€rz 2016
Der Gebrauch dieser Karaffe: aus dem millimeterdicken Zapfen schĂŒttet man den Wein direkt in den Mund. pic.twitter.com/jeI3KRuWu0
â Irgendlink (@irgendlink) 29. MĂ€rz 2016
Ein monströser Fels bei Cambrils mit kleiner Höhle zum drin schlafen. pic.twitter.com/S99TBCNZ9I
â Irgendlink (@irgendlink) 29. MĂ€rz 2016
Am Coll de Jou zeigte das GPS etwa 1450 Meter Höhe. Wohl dem, der es nicht ahnt beim Hochradeln. pic.twitter.com/N4QlFLSpAM
â Irgendlink (@irgendlink) 29. MĂ€rz 2016
So einen spanischen MittagsmenĂŒwein leertrinken ist wie Twitter zu Ende lesen. Oder Katzen zu Ende streicheln.
â Irgendlink (@irgendlink) 29. MĂ€rz 2016
Der Coll de Serra Seca. 2009 kam hier die Tour de France durch auf 224 km von Barcelona nach Ordino-ArcalĂs. #Gibrantiago
â Irgendlink (@irgendlink) 29. MĂ€rz 2016
Besuchen Sie meinen Kurs: Rausch ausschlafen auf geschobenem Fahrrad. Noch wenige PlÀtze. #Gibrantiago
â Irgendlink (@irgendlink) 29. MĂ€rz 2016
Hab nur noch einen Gang. Das hintere Schaltwerk ist abgebrochen. Jetzt wĂŒnsch ich mir nen Centurion Radladen in Bassella. #Gibrantiago
â Irgendlink (@irgendlink) 29. MĂ€rz 2016
@der_emil ich schaffe mich mal nach Olyana zur Autowerkstatt. 7 km. Gibt nen Weg am Stausee. Da zelte ich dann auch.
â Irgendlink (@irgendlink) 29. MĂ€rz 2016
Nein. Der Mittagswein war nicht schuld am Schaltungsdefekt! Das Ding hat seine 20000 km auf dem Buckel seit 2010. #Gibrantiago
â Irgendlink (@irgendlink) 29. MĂ€rz 2016
Fortsetzung folgt live auf Twitter.
Zum heutigen Track bitte hier â klicken. (Wegen Netz-UnterbrĂŒchen kann die angezeigte TotallĂ€nge vom real gefahrenen Wert abweichen.).
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Was fĂŒr ein Tag! PyrenĂ€en pur. Wieder ist Irgendlink bergauf und bergab geradelt, um die verkehrsreicheren StraĂen zu umgehen. Hat eben alles Vor- und Nachteile!
Fast auf 1000 m. ĂŒ. Meer baut er nun sein Zelt auf. »Der Coll de Jau wird mein FrĂŒhstĂŒckspass,« twitterte er eben.
Hoffentlich wird die Nacht nicht zu kalt da oben!
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Jetzt bloĂ keinen Kreuzschlitzschraubendreher brauchen. Und auch keinen Schlitzschrauber. Schaltungeinstellen kann ich wohl knicken, denn genau dafĂŒr brĂ€uchte ich den Bit, der am Pass de Canes liegt. 1120 Meter hohes Ding. Wetterscheide. PrĂŒfstein, Beinahekollaps der Schaltung. Eines der beiden kleinen ZahnrĂ€der des hinteren Schaltwerks hatte sich von seinem Lager gelöst und steckte quer, scheinbar unreparierbar. Das Radel wĂ€re wegen so eines winzigen Defekts nur noch als Schieberad zu benutzen (was auch okay gewesen wĂ€re, da man die knapp 15 Kilometer von Olot hinauf zum Pass sowieso nur mit fĂŒnf bis zehn Kilometern pro Stunde vorankommt). Der Nieselregen, der mich ortsausgangs Olot begleitete, hatte zum GlĂŒck nachgelassen und ich war guter Dinge, diesen ersten von drei oder vier PĂ€ssen bis hinĂŒber ins Hinterland um Lleida schmerzlos erklimmen zu können. Bewusst habe ich nicht erforscht, wie hoch der Pass ist. Die Kenntnis von der Schwere des Hindernisses, das es zu bewĂ€ltigen gilt, egal, ob dies nun ein Berg ist, oder irgendein anderes Hindernis, kann sich unter UmstĂ€nden als Gegenkraft manifestieren und einem den Weg, den man ohnehin zurĂŒcklegen muss, zur Hölle machen. Fidele Passfahrerei ohne Vorankommenswunsch sozusagen.
Ich musste die Schaltung zerlegen, mitten auf der StraĂe, was gefahrlos möglich war, denn niemand, absolut niemand, benutzt offenbar die StraĂe. Ăber Minuten, zig Minuten kurbelte ich alleine auf der N-260a. Sie ist wohl die alte StraĂe, die nun fast stillgelegt ist. Zudem Ostersonntag. Irgendwo parallel gibt es eine neue, vermutlich mit Tunnel.
Schwarze HĂ€nde bis fast zum Ellbogen, als hĂ€tte ich einer öligen, mechanischen Kuh bei einer SteiĂgeburt geholfen. Nimmerabgehendes Fett. Beide RĂ€dchen ausgebaut, hĂ€mmere ich das kaputte mit dem Schweizermesser wieder auf sein Edelstahllager und vertausche die beiden RĂ€der.
Ab da lief es dann wieder, bis ich unten in Ripoll noch ein paar andere Schrauben nachziehe und dabei bemerke, dass ich den Bit habe liegen lassen.
Kaufe Brot und ein StĂŒck Pizza in einer ostersonntagsoffenen BĂ€ckerei, beobachte den stoĂweisen Verkehr in der HauptstraĂe, esse Banane, beobachte zwei Jungs, die an der HauptverkehrsstraĂe FuĂball spielen auf einem lĂ€nglichen FuĂballfeld namens Gehweg, weine dem Bit nach, ĂŒberlege, wofĂŒr ich das Werkzeug im Notfall brauchen wĂŒrde, komme zu dem Schluss, dass es verschmerzbar ist, schwöre mir, auf einer Parkbank in der Sonne direkt neben der HauptstraĂe, direkt neben dem lĂ€nglichen FuĂballfeld sitzend, endlich einmal alle Schrauben am Radel nachzuziehen. Das GerĂŒttel im eigenen Kopf, löst das Schrauben? WeiĂ man da schon was drĂŒber?
Raus aus Ripoll bei einem zentralen Kreisverkehr, der die alte N-260a mit der N-260 vereint, regeln zwei blutjunge Polizisten den Verkehr, jeder mit einer Trillerpfeife bewaffnet, und ich werde Zeuge eines eigenartigen Konzerts. Jetzt Komponist sein, jetzt die Situation beim Schopfe packen, jetzt dieses stoĂweise Trillern mitschneiden, ihm den letzten Schliff geben, ein Meisterwerk schaffen mit dem Arbeitstitel Almabtrieb. Das wĂ€rs. Das wĂŒrde das lĂ€ngste Konzert der Welt in Halberstadt alt aussehen lassen. Philip Glass könnte einpacken. Ha. Konzertale Allmachtsphantasien. Ich könnte stundenlang in diesem Kreisverkehr stehen und den Beiden zuschauen. Neben mir brummen die Diesel und von rechts pumpt es eine nichtendenwollende Autoschlange aus den Bergen. Mit Skiern auf dem Dach, mit AnhĂ€ngern hintendran, auf denen solch schmutzige Motocrossmaschinen stehen und Kleinwagen und Lieferwagen voller GroĂfamilien und die beiden Verkehrspolizisten rudern mit den Armen und wechseln, als stĂŒnde da irgendwo ein unsichtbarer Dirigent, virtuos den Trillerrhythmus.
Ein, zwei Kilometer auf den beiden (vereinten) N-260s und schon bin ich wieder raus aus dem GetĂŒmmel, kurbele meine So-sollte-es-sein-StraĂe hinauf Richtung Berga, auf der wieder kaum Verkehr herrscht, und wenn, dann langsam, vorsichtig, rĂŒcksichtsvoll.
Wieder ein Pass von unklarer Höhe. Als ich bei Matamala, dem vermutlich oder hoffentlich höchsten Punkt, das GPS einschalte, zeigt es mir 974 Meter an. Und abwĂ€rts. Ziel ist BorredĂ , wo sich der Kreis zu meiner Reise 2010, einer meiner gescheiterten Gibraltarexpeditionen, endlich schlieĂen soll. Aber so weit komme ich gar nicht. Ein Campingplatzschild lockt mich etwa fĂŒnf Kilometer vorher weg von der StraĂe. Und da ich mĂŒde bin und im ganzen Tal wegen Naturschutzes das Wildzelten verboten ist, biege ich ab und lande … naja, auf einem suboptimalen Platz voller Leben und Hunde, die mich und das Radel sofort bebellen, umringen, belechzen, einer will sogar am Radel hochklettern, aber die Leute sind so freundlich und so lasse ich mich ein unter dem Motto ‚wild geht nicht, Leute nett, buche es als Erfahrung‘, checke ein beim stoischen Besitzer, der meine Personalien in den Computer hackt, mir einen Cortado (winziger, kurzer Kaffee) bereitet und schon palavere ich am Tresen mit zwei Typen, die mir Spanien erklĂ€ren, eine Karte malen, etwas von der Vuelta erzĂ€hlen und ich soll doch die KĂŒste runter radeln, durch Barcelona, schwer, ihnen klarzumachen, dass ich Ruhe brauche und das Durchradeln von GroĂstĂ€dten fĂŒr mich Horror ist (da war diese Barcelonadurchquerung 1992, als wir auf einer fĂŒnfspurigen Autobahn auf dem Seitenstreifen nach SĂŒden rausradelten, nein, nicht nur wir, auch etliche barcelonische Freizeitradler).
Der Camping ist zweigeteilt. Auf dem oberen, ziemlich belegten Platz herrscht reger Betrieb. Es gibt nur zwei Zeltplatzmöglichkeiten. Entweder neben dem Waschhaus, direkt unter einer HĂŒtte, aus der Technomusik dröhnt, oder beim Spielplatz vor der Rezeption, in der es heiĂ hergeht und vor der die Hunde herumstreunen.
Hund oder Techno?
Der untere Platzteil scheint geschlossen. Schon will ich vorm Technohaus die Heringe in den Boden treiben, da sehe ich, dass sich unten, im Paradies beim Bach, doch etwas tut. Also nix wie hin.
Puh. Das ging gerade nochmal gut.
Das Zelt steht nun abseits des GetĂŒmmels und ich habe eine neue Faustformel fĂŒr mich gefunden, die da lautet: soweit weg wie möglich von den Menschen (und ihren Hunden).
Als Irgendlink vor bald sechs Jahren von ZweibrĂŒcken aus Richtung Gibraltar geradelt ist und dabei den Spuren seiner Reise aus dem Jahre 2000 folgte, ist er bis ungefĂ€hr in diese Gegend gekommen, in der er jetzt angelangt ist.
Fast bis nach BorredĂ ist er heute gefahren, wo wir uns damals getroffen haben. (Im gestrigen Info-Artikel-Kommentarstrang finden Interessierte die Links zur damaligen Reise.)
Heute? Nach einer kleinen Stadtbesichtigung in Olot ist Irgendlink gegen Mittag ‚gemĂŒtlich‘ Richtung Westen geradelt. Berghoch (Coll de Canes, 1120m ĂŒ. M.). Bergrunter durch Ripoll und immer weiter Richtung BorredĂ .
Und immer wieder #Kunstwerk e von @HMoorlander ‚The Gap – Who’ll Pay the Tax for my Andalusian Dog?‘ #Mudart pic.twitter.com/EKf370kjBo
â Irgendlink (@irgendlink) 27. MĂ€rz 2016
Auf dem Camping Saiol baut Irgendlink nun sein Zelt auf.
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Diese GerĂ€usche, woher die wohl kommen? Eine kurze Schiebepassge einen unheimlich steilen Stich hinauf auf der Via Verde del Carrilet, ausnahmsweise betoniert, legt dieses GerĂ€usch frei. In rhythmischen AbstĂ€nden kracht etwas, das ich zwischen Ende hinteres Schutzblech und Tretlager orte. Die Bremse wĂŒrde wohl eher der Unwucht des Rades folgen und Fffft fffft machen, aber das hier? Krtzzz krtzzz.
Es ist heiĂ. Ich ignoriere das GerĂ€usch und als ich kurze Zeit spĂ€ter auf dem grobkörnigen Sandweg radele, ist es auch schon wieder verschwunden. Ăbertönt vom Mahlen des Gummis auf der stetig mit etwa vier Prozent ansteigenden alten Bahntrasse. Das sind doch vier Prozent, oder? Vielleicht sogar fĂŒnf oder sechs? Wie steil haben die denn frĂŒher ihre Bahntrassen gebaut? Die anderen Radler kommen mir jedenfalls mit einem Affenzahn entgegen und ich schaffe es kaum ĂŒber 12 km/h zu kommen. Oft fĂŒhrt der Weg durch zehn, zwanzig Meter hohe in den Fels gehauene Schluchten, rechts und links senkrecht durchfrĂ€ster Basalt, dann wieder ĂŒber DĂ€mme, BrĂŒcken, unter BrĂŒcken hindurch, an denen sogar manchmal noch der RuĂ zu sehen ist, den die Dampfloks hinterlassen haben. Sogar einen kleinen Tunnel gibt es kurz vor dem Coll de Bas, dem 580 Meter hohen Pass, den man erklimmen muss, um hinĂŒber nach Olot zu kommen.
Spaniens Radwege sind schon speziell, wenn man mit der Vorstellung eines Deutschen von Fernradwegen an sie herangeht. Schon an der Grenze bei Le Perthus hĂ€tte mir klar sein können, dass der Wanderpfad, der von Regenerosion zersetzt ist und genau der Route folgt, die das GPS empfiehlt, der Radweg Eurovelo 8 ist – ich bin natĂŒrlich dem Teerweg nach Le Perthus gefolgt, ins GrenzstĂ€dtchen, und stand erst einmal in einem Autostau. Kein Durchkommen zwischen Gehwegkante und den Autos, weshalb ich es vorzog, bis zur Grenze zu schieben. Am Karfreitag waren die Lederwaren, Tabak- und sonstigen LĂ€den in der HauptdurchgangsstraĂe alle offen, SupermĂ€rkte, Polizisten, DieselruĂgestank, jenseits der Grenze Nutten, Sexshops, Tankstellen, WeingroĂhandlungen und noch mehr TabaklĂ€den – auf veritablem GefĂ€lle rauschte ich auf dem Standstreifen der NationalstraĂe an all dem vorbei und traf kurz vor La Jonquera auf den Track des Eurovelo. Ein Schotterweg, irgendwie fahrbar. Sogar Radwegeschilder gibt es. Pirinexus, so heiĂt der Radweg hier, daneben das Eurovelo-Logo. Hier bin ich richtig . FĂŒr etwa 500 Meter. Dann quert der Radweg auf einem Singletrail einen Bach. Unter drei BetonbrĂŒcken fĂŒr LandtraĂe, Bahnlinie und Autobahn. Nein, es gibt keine RadlerbrĂŒcke. Höhnisch weist ein Schild den Radweg durch die Furt aus, die jemand mit dem Quad durchquert hat, so sagt es die Spurenlage.
Ich habe mir zum GlĂŒck kein Bild gemacht von spanischen Radwegen. Hatte allenfalls erwartet, dass sie ĂŒber LandstraĂen fĂŒhren.
Ich muss das Land erst lernen. Seine Ladenöffnungszeiten, seine GruĂformeln, seine Radwegelogik. Genug Zeit habe ich ja. (Und ĂŒberhaupt, Spanien? Aus allen Fenstern hĂ€ngt die katalanische Flagge und in zahlreichen Graffitis fordert man Autonomie).
Bis zur KĂŒste bei L’Escala folgte ich den Schildern des Pirinexus, die deckungsgleich mit dem GPS-Track meist ĂŒber Feldwege leiten. Kurz hinter La Jonquera hĂ€tte ich beinahe aufgegeben, wĂ€re auf die NationalstraĂe zurĂŒck, aber das Schieben, gut einen Kilometer hinauf ins Hinterland, hat sich gelohnt. Kurz vor dem Dorf Capmany tat sich eine nigelnagelneue Teerpiste auf, die durch eine wunderbare Art EndmorĂ€nengegend (oder wohl eher Vulkan-) fĂŒhrt mit riesigen Felsbrocken zwischen Olivenhainen. Und diese Farben, rotbraungrĂŒnolivblaugelb, herrlich. So könnte der Pirinexus also einmal werden, wenn man genug Geld dafĂŒr bereitstellen wĂŒrde. Tapfere spanische Radler, sogar mit GepĂ€ck, kamen mir entgegen. Das gibt mir stets das GefĂŒhl, nicht ganz alleine zu sein, auf dem richtigen Weg zu sein. Offenbar kennen sie gar nichts anderes und nehmen die Wege einfach so hin.
Immerhin, die etwa zehn Kilometer Radwegeausbau geben Hoffnung.
Das vorgestrige Zeltlager nahe L’Escala. Neben einer wilden MĂŒlldeponie in einem Pappelhain. Da ich vermutete, dass frĂŒh die JĂ€ger auftauchen, stehe ich mit der DĂ€mmerung auf und beschlieĂe, nicht den Bogen ĂŒber San Feliu zu machen, sondern samstagsfrĂŒh direkt ĂŒber LandstraĂen nach Girona zu radeln und erst dort wieder in die Via Verde del Carrilet einzusteigen.
Die Via Verde ist ein bisschen besser ausgebaut und recht stark befahren. Mountainbiker rasen einem mit einem Affenzahn entgegen. Dazu SpaziergÀnger oder Menschen, die einfach nur am Wegrand stehen und starren.
Das erste StĂŒck raus aus Girona ist etwas mĂŒhsam. Es fĂŒhrt durch KleingĂ€rten. Auf der zweimeterfĂŒnfzig-breiten Piste stauen sich einander entgegenkommende Autos. Irgendwie mogele ich mich durch.
Ab Amet entwickelt sich die Carrilet zu einem waschechten Bahntrassenradweg.
Das Krachen am Rad habe ich noch immer nicht lokalisiert. Ich weiĂ auch nicht, ob ich es so genau wissen will. Am heutigen Ostersonntag kann mir sowieso niemand helfen. Ein weiteres Wehwehchen, das ich selbst verschuldet habe, war die gestrige Lagerplatzsuche. Was habe ich mir ĂŒber die Jahre immer eingeblĂ€ut, fahre nicht bei DĂ€mmerung in eine gröĂere Ansiedlung und trotzdem stehe ich plötzlich am Stadtrand von Olot. Der Camping Natura von Les Preses war dem feinen Herrn ja nicht gut genug. Die Felder in der weiten Ebene schienen ihm ja zu gut einsehbar, zu sandig, zu sehr mit Weizen bebaut, zu eingezĂ€unt, zu privatbesessen, kurzum zu illegal und der Lavapark zwischen Les Preses und Olot, der die ein oder andere gute Zeltmöglichkeit geboten hĂ€tte, wer weiĂ, wer sich da nachts rumtreibt.
Zugegeben, auf dem Camping Natura wĂ€re ich nicht glĂŒcklich geworden. Dicht an dicht standen WohnwĂ€gen und etliche Hunde verbellten sich in verzweifelter Reviermarkiererei gegenseitig. Der Stress der Tiere hĂ€tte sich die ganze Nacht auf mich ĂŒbertragen und wer weiĂ, ob ĂŒberhaupt ein PlĂ€tzchen frei gewesen wĂ€re. Ich peile einen Camping vier Kilometer auĂerhalb von Olot an und verlasse in der Dunkelheit die Stadt. Steil bergauf. Erster bis dritter Gang. Massiver Verkehr, Warnweste, RĂŒcklicht, Schwitzen, Sternenhimmel. Am Ortsrand meine ich, nicht mehr zu können. Das Monster, nachts berghoch auf dieser StraĂe, zwei Kilometer weit und womöglich vor verschlossener TĂŒr zu stehen, krallt sich in meine SchĂ€deldecke. Ich schaffe mich rĂŒber auf eine Wiese, die gut zeltbar wĂ€re, aber sogleich schlagen die Hunde in der Nachbarschaft an. Wenn man zwischen den Hundegebellen Linien zieht, kann man auf den Meter genau das Europennerlager ausmachen.
Schon ĂŒberlege ich, zurĂŒckzufahren zum Hotel Fluvia, das ich passiert habe. Da kommt mir in den Sinn, auf dem GPS Satellitenbilder einzublenden, um herauszufinden, ob hier etwas zeltbares ist. TatsĂ€chlich, gleich um die Kurve, erster Weg links, Wiese, WaldstĂŒck, kein Farmhaus sichtbar, also auch keine Hunde.
Ich Àchze weiter. Die Kurve ist da, aber ich kann den Weg nicht finden. Àchze weiter berghoch, da, ein Schild. Der Camping. Nur einen Kilometer entfernt. Das schaffe ich.
Und Uff. Endlich da. Camping offen, Rezeption zu. Eine spÀte Pfadfindergrupe mit 21 Kilometern in den Beinen gesellt sich zu mir. Und sie machen einen Wachmann ausfindig. Diese Engel. Und der Platzwart kommt noch einmal aus dem Feierabend, registriert uns alle.
Gebeutelt, erschöpft, wie Lemminge, verkriechen wir uns in einem kleinen WÀldchen und bauen im Schein der Stirnlampen die Zelte auf.
»Mein Plan heute: von L’Escala nach Girona ĂŒber LandstraĂe und ab dort die Via Verde nach Olot radeln. Barcelona umradeln via Lleida.« So twitterte Irgendlink heute Morgen.
Aus Girona erhalte ich schon am spĂ€ten Vormittag eine SMS. Samstagmorgenschön sei es. Vermutlich meint er die Welt, die Strecke, das Leben. Mich freut’s. Und vom samstagmorgendlichen Jagen, oft ĂŒblich in Spanien, sei jedenfalls nichts zu hören gewesen.
»Wenn man einen Radler in einen Topf heiĂen Verkehrs wirft, springt er sofort raus. Wenn man ihn aber im Topf langsam erhitzt …«, so sinniert er spĂ€ter auf Twitter und erinnert uns an das Froschexperiment, das besagt, dass der Frosch, wenn sein Umgebungswasser ganz langsam erhitzt wird, nicht flĂŒchtet, sondern stirbt.
Wir hoffen sehr, dass unser Radler immer und rechtzeitig vor jeglicher Hitze und Gefahr ausweichen kann.
Bei Olot will er auf einen Campingplatz, um sein heutiges Nachtlager aufzubauen, aber die Steigung – mit ĂŒber neunzig Tageskilometern in den Beinen – hĂ€lt ihn dann doch zurĂŒck.
»Soll ich ins Hotel Fluvia?«, fragt er per SMS und ich schreibe: »Ja, mach das!« Und jetzt weiĂ ich auch nicht …
EDIT: 20:37. Irgendlink smst, dass er nun doch auf dem Camping sein, La Fageda. Drum korrigiere ich die Tracks.
Zum heutigen Track bitte hier â klicken. (Wegen Netz-UnterbrĂŒchen kann die angezeigte TotallĂ€nge vom real gefahrenen Wert abweichen.). | EDIT: Track.
Zur klassichen Version der heutigen, ungefĂ€hren Etappe bitte hier â klicken. | EDIT: Guugle-Track.
Spanien besticht Irgendlink mit seinen wunderbar ausgeschilderten Radwegen, die aber in Wirklichkeit gar keine Radwege sind, bestensfalls Huckelpisten. Die unvermeidbare Langsamkeit hat was. Motive, die bei schnellem Radeln nicht sichtbar gewesen wÀren, stellen sich ihm nun einfach in den Weg.
Bereits ist Irgendlink in der NĂ€he der Ruinen von Empuries, wo wir vor vielen Jahren mal waren. Zum Streetview-Link geht’s hier lang. (Geht wohl nicht auf Handys.)
Das Zelt hat er etwas abseits des Ortes aufgebaut.
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Herzklopfen. Unruhe. Im Kopf rattert die GedankenmĂŒhle, was soll ich bloĂ tun? Noch einen Tag hierbleiben, hoffen, dass es besser wird mit dem Wind, oder weiterradeln, vielleicht einen Bahnhof finden, einen Zug, der in Windeseile durch einen Tunnel in Spanien ist?
Die Wetter-App, auf der ich mir die WindstĂ€rken angeschaut habe, sagt fĂŒr die Gegend um Perpignan sturmĂ€hnliche Bedingungen voraus, 69 km/h gar in ArgelĂšs, wo der Eurovelo 8 gen Westen abbiegt und somit ekelhaftes Seitenwindwetter herrschen wĂŒrde. Böen, die einen um Meter versetzen.
Vor dem StĂŒck LandstraĂe, dem ich ab Fitou bis etwa Rivesaltes folgen muss, graut mir am meisten. LKW und Autokolonnen, von denen sicher nicht jeder Fahrer im Bilde ist, wie es um Radler bei Windböen steht. Zudem man das mit dem Sicherheitsabstand auch nicht so eng sieht.
Noch sitze ich in dem schönen warmen, weichen Bett im roten Appartement von @fimidi, strahlender Sonnenschein, der selbst die abgewetzten Wanderschuhe vor der TĂŒr schön aussehen lĂ€sst. Im Kokon. Sicher. Aber in meinem Kopf hat sich lĂ€ngst eine Vision fĂŒr den Tag gebildet. Da drinnen im Grauen Prozessor denkt sich irgendwas die Strecke voran, Kilometer um Kilometer zunĂ€chst mit RĂŒckenwind sĂŒdöstlich auf’s Meer zu, dann auf der roten Linie, die im GPS angezeigt wird und die den Mittelmeerrradweg, den Eurovelo 8, markiert weiter, hoffentlich auf eigenen Fahrradstrecken … ach ne, das kannste hier im SĂŒden vergessen, mischt sich eine Skeptikerstimme ein, bestenfalls Feldwege, bestenfalls leicht befahrene LandstraĂen, bleib doch noch ’nen Tag, aber da mahnt schon eine andere Stimme, willste hier versauern, warten bis der nĂ€chste Regen kommt, der Tramuntana bleibt drei Wochen, so will es das Gesetz.
Ich bin an diesem Morgen in einem Zustand des nichtradelnden Radlens fĂŒr ein, zwei Stunden. Beide Entscheidungen sind möglich, beide sind richtig, aber was wichtig ist, in diesem Moment, das wird mir erst spĂ€ter klar, ist die Diskrepanz zwischen der Welt, wie ich sie mir im Kopf zurechthĂŒbsche (oder im Fall besser gesagt zurechthĂ€ssliche) und dem Unbekannten, was mich auf den vierzig Kilometern bis ArgelĂšs und den weiteren zwanzig, dreiĂig Kilometern bis zur spanischen Grenze, bis zum PyrenĂ€enpass bei Le Boulou erwartet.
Im Nachhinein muss ich sagen, ich hatte ja keine Ahnung und die Wetter-App lĂŒgt wie gedruckt.
Raus aus Fitou. ZunĂ€chst zwei Kilometer Weinbergswege, dann die gefĂŒrchtete DepartementsstraĂe, wo auch schon gleich beim Auffahren eine Kolonne LKW mit Rattenschwanz an Autos vorbeizischt. Aber: es gibt einen Seitenstreifen, auf dem sich prima radeln lĂ€sst. Sicherheitsabstand per Naturgesetz sozusagen. Und: Der Tramuntana ist bei weitem nicht so stark, wie am Tag davor. Zudem hĂ€lt die parallel laufende Autobahn auf ihrem hohen Damm und die HĂŒgel im Westen ein Gutteil des Windes ab. Leichtes Radeln bis Salses und ab dort folge ich ruhigen LandstraĂen bis Canet zum Euroveloradweg. Mit RĂŒckenwind. Dann folgt Gegendarstellungnummer zwei – wie ein strenger Lehrer Lempel hebt sich eine Stimme, ein Zeigefinger in mir, ein winziges, zĂŒchtigendes Stöckchen, das mich oberschullehrerhaft belehrt, traue nie deiner eigenen Vorstellung, mach dir kein Bild von dem, was dich womöglich erwartet, mach dir ĂŒberhaupt kein Bild, es verĂ€ngstigt dich doch nur, und falls du dir mal ein positives Bild machst und die RealitĂ€t davon abweicht, wirst du enttĂ€uscht. Ab Canet, wieder auf dem Eurovelo 8-Track angelangt, fĂŒhrt die Strecke durch eine Art Obstgarten mit mannigfach blĂŒhenden BĂ€umchen, Schilf, Weinbergen, fast durchweg auf Radwegen; ab ArgelĂšs ist der Eurovelo 8 parallel zur HauptstraĂe auf eigener Trasse gefĂŒhrt mit perfekter Beschilderung. Es sind genau vierzig Kilometer bis nach La Jonquera, der ersten Stadt in Spanien. Der angekĂŒndigte 69 km/h-schnelle Wind ist ein laues LĂŒftchen. Ich radele auf den Canigou zu, ein fast 3000 Meter hohes, schneebedecktes Massiv, aber mit moderater Steigung in der Ebene des FlĂŒsschens Tech.
Abends im Zelt muss ich mir eingestehen, dass ich frĂŒhmorgens im Bett ein völlig falsches Bild von der RealitĂ€t gebaut hatte, bestehend aus falschen Informationen und garniert mit Unwissen und hanebĂŒchenen Vermutungen, was mir unnötigerweise die Kraft aus den Knochen gesaugt hat.
Und nun, da ich dies schreibe, auf glĂŒcklichen Wegen durch ganz Frankreich bis fast zur spanischen Grenze geradelt, finde ich noch einige unheimliche GedankengebĂ€ude vor, die es gilt einzureiĂen. Etwa die 600 Kilometer von Alicante bis Gibraltar, die auf massiv befahrenen HauptstraĂen durch meinen Kopf fĂŒhren, oder der Dauerregen in Ripoll, in den PyrenĂ€en, der mich ab ĂŒbermorgen – rein gedanklich – erwartet, Nebel und Schnee und ab und zu ein Gipslaster, der Saint Laurent ansteuert, um Rigips fĂŒr deutsche Trockenbauten abzuholen. All die Gespenster im eigenen Kopf, die man sich alltĂ€glich selbst zusammendenkt aufgrund falscher Fakten und Ăngste: könnte man sie nur ein fĂŒr alle Mal bannen, man könnte glĂŒckneugierig durchs Leben wandeln.
Wieder einmal wollte ein Kopf etwas Gruseliges erschaffen. Die Wirklichkeit hat es zum GlĂŒck widerlegt: Der Wind war heute nĂ€mlich nicht gar soo schlimm wie Irgendlink gedacht und befĂŒrchtet hatte.
Vor zwei Stunden hat Irgendlink von Le Boulou aus angerufen. In Erwartung eines Netz- und Funkloches in den Bergen hat mir auch gleich zwei Bilder gemailt.
Auf der Eurovelo 8 ist er nun unterwegs â Link mit Infos.
Inzwischen hat er in den Bergen ein schönes PlÀtzchen gefunden. Schon fast an der Grenze zu Spanien.
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