Nahmenscherlebnisse #Gibrantiago

Horst brĂŒllt: HEUTE IST UNSER TAG! Zwei, drei Wohnwagenfelder weiter antwortet jemand ohne Namen in Ă€hnlicher LautstĂ€rke. Horst kenne ich schon vom Vorabend. Seine Frau hat ihn so genannt. In schamlosem ZwiegesprĂ€ch. Horst und der Mann ohne Namen sind bester Laune. GeschĂ€ftig rumpeln sie in ihren Wohnmobilen, was mit ein bisschen Phantasie fast so klingt wie ein fernes Gewitter. WĂ€ren da nicht die schrillen Zwischentöne klappernden Geschirrs. Es ist sieben Uhr frĂŒh, oder um es einmal auf europennerianisch zu sagen SIEBEN-UHR-PERVERS-FRÜH. Schreis laut, schreis in deine Seele hinein.

Ich bin somit ‚grumpy‘, wie der EnglĂ€nder sagen wĂŒrde. Zwar war ich schon wach, aber unnötiger LĂ€rm, der auf dem Slipstream der RĂŒcksichtslosigkeit reitet, verĂ€rgert mich nunmal. Andere wollen vielleicht noch schlafen? Andere hören Horst und den Unbekannten vielleicht gar nicht, weil sie in schalldichten schneeweißen Luxusuniversen schlummern?

Kurze Zeit spĂ€ter baut eine Familie aus Bonn ihr Wohnwagenlager neben meinem Platz auf. GerĂ€uschlos ist anders. Ich frage mich, wer um ACHT-UHR-PERVERS-FRÜH auf einem französischen Campingplatz eincheckt. Woher kommen die? Nachtfahrt?

Das SahnehĂ€ubchen sind zwei Dieselrußgestanksabreisende, die das Wohnmobil erst einmal fĂŒnf Minuten warmlaufen lassen.

Nicht dass das GesĂ€usel mich jetzt noch stören wĂŒrde, ich frage mich nur, wenn dieser Zeltplatz hier in Avignon reprĂ€sentativ fĂŒr die Milliarden Menschen auf der Erde steht, wie groß ist dann die kumulierte RĂŒcksichtslosigkeit (oder Gedankenlosigkeit) auf dem Erdball?

Erst mein Nachbar Serge, ein Belgier aus Gent, holt mich aus dieser Gedankenschleife wieder heraus. Wir halten ein MorgenschwĂ€tzchen um NEUN-UHR-PERVERS-FRÜH, tauschen LĂ€cheln, Namen und er empfiehlt mir das alljĂ€hrliche Festival in Gent, das im Sommer zehn Tage lang die ganze Stadt auf den Kopf stellt.

Draußen auf dem Radweg lasse ich den neuen Tag einsickern. Mit GPS-Track navigiere ich hinaus aus Avignon in Richtung Beaucaire. Meist ĂŒber ruhige Landstraßen oder Landwirtschaftswege, miserabel ‚flickenteppichig‘ geteert, aber dafĂŒr kaum Autos.

Beaucaire und Tarascon, SchwesterstÀdte diesseits und jenseits der RhÎne. Tarascon hat ein wuchtiges Schloss, eine regelrechte Trutzburg, und Beaucaire einen riesigen Kanalhafen mit Hausbooten. Hier zweigt die Mittelmeerroute von der Via RhÎna ab. So sagen es die GPS-Tracks, die ich vor der Reise heruntergeladen habe.

Radwege gibt es keine mehr und auch keine Beschilderung. Dennoch hat die neue Route gut gewĂ€hlte kleine StrĂ€ĂŸchen, wenn man mal von einem ca. acht Kilometer langen StĂŒck etwas forscherer Departementsstraße bei Saint-Gilles absieht. Das Meer ist nah. Luftlinie noch etwa 50 Kilometer. Wenn ich es heute noch dahin schaffen will, muss ich auf die Hauptstraße, dĂ€mmert’s mir. Die Radroute schlĂ€ngelt sich im Zick-Zack, und schon bin ich in einer Gedankenschleife zum Thema Wollen gelandet.

Wie sich die KrĂ€fte, die man einsetzt, um etwas zu erreichen, manchmal gegen einen wenden, ich meine rein innerlich, im GemĂŒt. Schon habe ich ‚Wunschvorstellung Meer heute, presto‘, installiert und vergesse alles andere um mich herum, kurbele gehetzt, schnell, wider das eigene GefĂŒhl. Der Verkehr auf dem kurzen StĂŒck Schnellstraße vor Saint-Gilles fĂ€hrt mir durch den Kopf, durch die Ohren, die Nase, selbst die Druckluft schnell fahrender Autos … nein, das geht so nicht, du musst das Meer aufgeben. Ob du es heute erreichst oder morgen, ist doch egal. Im Grunde sollte dir jede Zeitmarke egal sein, denn Zeit ist etwas von Menschen Gemachtes, das hier draußen in deiner langen Seelenreise eigentlich nichts zu suchen hat. Termine, Termine, Termine.

Ich folge treu dem GPS-Track, der gut ein FĂŒnftel lĂ€nger ist als die direkte Wegstrecke ĂŒber die Schnellstraßen, und es gelingt mir, kurz hinter Saint-Gilles auf einer sehr ruhigen, kaum fĂŒnf Meter breiten Straße, mir das Meer aus dem Kopf zu schlagen; und plötzlich fliegen die Beine wieder und alles lĂ€uft rund. Trotz leichten Gegenwinds, ab und zu Autos und MotorrĂ€dern, allesamt, wegen der Enge der Straße höchstens sechzig Kilometer schnell, rĂŒcksichtsvoll ĂŒberholend, Wohnmobilen mit einem SchwĂ€nzchen Autokorso im Schlepptau, unĂŒberholbar, in einer Kurve zwei Motorradfahrer. Einer von ihnen hatte einen Unfall, sein Motorrad liegt geschrottet im Wasser. Die Straße endet rechts und links direkt in einem EntwĂ€sserungskanal. dahinter Schilf, dahinter Felder, Pferde, Rinder mit solchen Hörnern, Schafe, Wiese, Acker, spĂ€ter nur noch Natur, und ein tausendfaches Vogelzwitschern und -kreischen liegt in der Luft. Möwen, Störche, und hier und da duckt sich ein Ornithologe mit einem riesigen Teleobjektiv am Straßenrand. Wie viele Meter lang wohl alle Objektive der Gegend aneinandergereiht ergeben, schießt es mir in den Sinn.

DĂ€mmerung. FĂŒnf Kilometer geradeaus bis Gallician. Dort sei ein Campingplatz, sagen zwei Angler. Fehlanzeige. Am Hafen stehen zwei Wohnmobile. Ob ich mich dazustellen soll? Eine Frau gibt mir Trinkwasser. Ein irrer Bauer fĂ€hrt mit dem Traktor und zwei auf dem Frontlader aufgespießten Heuballen durchs Dorf, nebenher lĂ€uft sein Hund und er schreit und lacht und ihn flankieren plötzlich zwei weitere Autos, fast wie ein Hochzeitskorso, nur ohne Brautkleid, und ich sorge mich um das Hundchen, das sich ab und zu gefĂ€hrlich den RĂ€dern des Treckers nĂ€hert. Ob ich den VerrĂŒckten nach einem Zeltplatz fragen soll? Oder einfach neben dem Sportplatz?

Nach reiflicher Überlegeung und in Erinnerung an die Nah-Mensch-Erlebnisse vom Morgen in Avignon, radele ich am Kanalradweg weiter, ein, zwei Kilometer, baue das Zelt im letzten Abendlicht auf. Ein Froschkonzert lullt mich in den Schlaf.

11 Gedanken zu „Nahmenscherlebnisse #Gibrantiago“

  1. WĂ€re ich noch nicht Fan deiner Schreibe, wĂ€re ich es jetzt. Wegen SĂ€tzen wie diesem: „… unnötiger LĂ€rm, der auf dem Slipstream der RĂŒcksichtslosigkeit reitet, verĂ€rgert mich …“ und anderen.
    Ja, da verstehe ich dich echt super. Und ich verstehe auch, warum du CampingplÀtze meidest.
    Ich wĂŒnsche dir, dass du immer genau den richtigen Lagerplatz findest!

  2. Du bist echt schnell, ich wĂŒnsche dir Kraft und gut RĂŒckenwind, um schnell ans Meer zu kommen.
    Hier in den PyrenĂ€en hat es heute endlich wieder Sonne…
    Liebe GrĂŒsse aus dem andern Tarscon(im AriĂšge) 😉
    bea

    1. Danke liebe Bea. Möge der FrĂŒhling auch bei Euch einkehren. LiebgrĂŒĂŸ aus Agde. Das AriĂšge Tarascon ist mir auch in guter Erinnerung. Irgendwann will ich mal den Sentier Cathare wandern, der glaube ich bis Tarascon fĂŒhrt

  3. Hallo JĂŒrgen,
    ich frage mich, und nicht nur weil ich Deinen Artikel hier gelesen habe, sondern schon seit Langem, ob die Gedanken- und RĂŒcksichtslosigkeit immer mehr zunimmt, oder ob wir sie nur mehr bemerken, weil wir Menschen uns immer nĂ€her auf den Pelz rĂŒcken?
    Ansonsten schließe ich mich SoSo an und wĂŒnsche Dir immer den richtigen Lagerplatz.
    Safe bicycling,
    Pit

    1. Ich denke, die zunehmende Enge machts. Denn, wer von uns war nicht schon einmal gedankenlos. Auch ich bin manchmal wie Horst, ohne es zu bemerken.

    2. Ein Gedanke der mich auch immer beschĂ€ftigt und ich glaube auch es ist die Enge und wenn es nur die „mediale“ Enge ist, die wir vielleicht durch social media etc empfinden.
      Ich sehe, das LĂ€nder wo weniger Menschen leben auch entsprechend rĂŒcksichtsvoller sind. Ob das Irland ist oder Portugal.
      Meine persönliche Erfahrung. So weit fahren bis keiner mehr deutsch spricht, ab da wird es dann besser. Tut mir leid, habe ich so beobachtet.

      1. Warum „tut mir leid“? Weil Deutsche schlechter wegkommen in Deiner Beurteilung? Ich kann es selber nicht beurteilen, aber es koennte schon sein, dass es sich nach Nationen (etwas) unterscheidet. In einem anderen Blog habe ich uebrigens vor kurzem gelesen, dass die Leute [Amerikaner mit einem Wohnmobil] gar nicht sehr erfreut – um es einmal vorsichtig auszudruecken – ueber die mangelnde Ruecksichtnahme ihrer Nachbarn waren. Vielleicht muesste man zu dem Schluss kommen, dass es Ruepel ueberall gibt, mal mehr, mal weniger.
        So, und damit Schluss mit den unerfreulichen Gedanken am fruehen Morgen.
        Eine gute Weiterreise, lieber Juergen,
        Pit

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